Inhalt


‚You don’t have to be Jewish to be traumatized, but it helps‘
Woody Allen

 

Gebürtig

Ein Film von Lukas Stepanik und Robert Schindel

 

nach dem gleichnamigen Roman von Robert Schindel

nach einem Drehbuch
von Georg Stefan Troller, Robert Schindel, Lukas Stepanik

 

Kurzinhalt

GEBÜRTIG erzählt die Geschichte des jüdischen Emigranten Hermann Gebirtig (Peter Simonischek), den seine Vergangenheit ebenso einholt wie den deutschen Journalisten Konrad Sachs (Daniel Olbrychski). Während Gebirtig von der Wiener Journalistin Susanne Ressel (Ruth Rieser) dazu überredet wird, in seine Heimatstadt zu reisen, um gegen einen ehemaligen KZ-Aufseher auszusagen, muss sich Sachs endlich der quälenden Tatsache stellen, Sohn eines hochrangigen SS-Arztes zu sein. Und der jüdische Kabarettist Danny Demant (August Zirner), in dessen Freundeskreis sich die Kinder von Tätern und Opfern vermischen, besingt seine Heimatstadt: "Einst Welthauptstadt des Antisemitismus, ist Wien heute Vergessens-hauptstadt geworden."

Aus der Gegenwart der späten achtziger Jahre erzählt der Film über jene Befangenheit, die sich als "gläserne Wand" immer wieder zwischen Juden und Nichtjuden, Überlebende und Nachgeborene stellt. "Müssen wir Verzweifelte sein?", fragt Danny Demant, der Erzähler. Mit Melancholie und Humor, provokant und leidenschaftlich, sucht der Film seine Antwort.

 


August Zirner als Danny Demant

Ruth Rieser als Susanne Ressel
Daniel Olbrychski als Konrad Sachs
Peter Simonischek als Hermann Gebirtig

SYNOPSIS

Daß alle Verständigung und Sehnsucht nach Liebe zwischen den Gebürtigkeiten, zwischen Juden und Nichtjuden, erdrückt werden von einer niemals vergehenden Vergangenheit, aber auch von der Hoffnung, daß Liebe und Verstehen einmal möglich werden – davon erzählt "Gebürtig", voll Melancholie, Witz, Ironie und sarkastischem Schmäh.

"Da denk ich mir, wann endlich warm werden die Füß‘, und Kopf bleibt wunderbar kühl, kann passieren, daß kommt nicht der Messias, sondern ein schönes Gefühl".

"Gebürtig" führt in das Jahr 1987, eine Zeit, in der Österreich durch die "Waldheim-Affaire" in der Welt negative Schlagzeilen machte. Erzählt wird die Geschichte des jüdischen Emigranten Hermann Gebirtig (Peter Simonischek) der sich ein Leben als erfolgreicher Schlagerkomponist in New York eingerichtet hat und glaubt, seine KZ-Vergangenheit ebenso wie seine alte Heimat Wien weit hinter sich gelassen zu haben. Doch die Geschichte holt ihn, den abgeklärten Erfolgsmenschen im fernen Amerika ein. Susanne Ressel (Ruth Rieser), eine schöne junge Journalistin aus Wien überredet ihn mit List und Hartnäckigkeit, sich der Vergangenheit zu stellen und in Wien gegen einen ehemaligen KZ-Aufseher auszusagen.

Wien ist aber auch die Stadt des Danny Demant (August Zirner), Kabarettist, Lebenskünstler und Frauenfreund. Vorerst mit Susanne verbandelt, zieht ihn bald die junge Notärztin Crissie Kalteisen (Katja Weitzenböck) in ihren erotischen Bann. In seinem Freundeskreis vermischen sich die Kinder von Tätern und Opfern, und in seinem Kabarett "Mischpoche" besingt Danny die Heimatstadt: "Einst Welthauptstadt des Antisemitismus, ist sie heute Vergessenshauptstadt worden..."

Von einer amerikanischen Filmcrew wird der Wiener Jude Danny Demant als Nahkomparse engagiert, um einen Wiener Juden in Auschwitz zu spielen. Während der Dreharbeiten trifft er auf Konrad Sachs (Daniel Olbrychski), eine weitere Schlüsselfigur in der Dramatik der Gebürtigkeiten. Der Hamburger Kulturjournalist Konrad Sachs verdrängt schon sein Leben lang die Tatsache, der Sohn eines hochrangigen Wiener KZ-Arztes zu sein, der in Polen seiner ‚Arbeit‘ nachging. Unauslöschlich eingeprägt hat sich ihm das Bild seines Vaters in der schmucken SS-Uniform. Und eine Schuld, die den Sohn nicht mehr loslässt. Als Sachs eines Tages nach Auschwitz fährt, um über Dreharbeiten im ehemaligen KZ zu berichten, trifft ihn die Erinnerung mit voller Wucht. Er verläßt seine Frau Else (Corinna Harfouch), reist der Vergangenheit nach bis nach Wien und wird dort mit Hilfe von Susanne, Danny und Gebirtig einen Weg finden, mit den quälenden Erinnerungen fertig zu werden.

Susannes Vater ist der Pensionist Karl Ressel (Ernst Stankovski), der die Nazizeit als politischer Häftling im Konzentrationslager Ebensee überstanden hat. Bei einem harmlosen Ausflug auf die Rax holt ihn die Vergangenheit urplötzlich ein - nach Jahrzehnten des Vergessens begegnet Ressel einem ehemaligen KZ-Aufseher wieder. Es ist der einstige Oberscharführer Rudolf Pointner (Edd Stavjanik) - der "Schädelknacker von Ebensee". Für Ressel wird die kurze Begegnung zum tödlichen Finale seiner Erinnerung - er erliegt vor Aufregung einem Herzinfarkt. Seine Tochter Susanne ist dadurch in voller Härte mit der Vergangenheit konfrontiert. Sie wird alles daran setzen, den langjährig gesuchten Menschenschinder Pointner der Gerechtigkeit zuzuführen.

Doch was ist schon Gerechtigkeit? Es gelingt Susanne, den prominenten Komponisten Hermann Gebirtig, ehemaliger Lagerhäftling in Ebensee, aus seinem New Yorker Exil nach Wien zu holen. Der Prozess findet statt, doch wird Pointner "mangels an Beweisen" nicht schuldig gesprochen. Ob Gebirtigs Reise nun sinnlos war? "Na wenn schon", würde Hermann Gebirtig sagen, "Wien ist eine schöne Stadt. Zum Sterben schön." Möglicherweise wird er zuletzt sogar mehr finden, als nur seine innere Ruhe.

REGIEKONZEPT

Gleich zu Beginn des Films sehen wir ein Bild, wie wir es aus KZ-Filmen ‚gewohnt‘ sind:

Zwischen Baracken und Stacheldraht stehen KZ-Häftlinge. Frierend. Zitternd. Die Sonne steht tief. Nebel über dem Boden. Fahles Licht. An anderer Stelle eine Gruppe Uniformierter (SS), in dicken Mänteln. Einige rauchen, trinken Tee, sind guter Dinge, lachen, scherzen. Den Hunden werden ein paar Happen zugeworfen. Wieder die KZ-ler. Sie tragen gelbe Winkel. Die Anweisung eines Capo läßt die Gruppe sich in Bewegung setzen. Langsam, zögernd, vorsichtig, tastend. Auch die SS-ler setzen sich in Bewegung. Da der Boden gefroren, eisig und glatt ist, beginnen beide Gruppen zu rutschen. Eine seltsame, unwirklich wirkende, ja fast komische Szene entsteht, das gewohnte Bild einer KZ-Szene kommt im wahrsten Sinn des Wortes ‚ins Rutschen‘. Ein alter Mann stürzt, reißt einige andere mit sich. SS-Uniformierte eilen herbei. Der alte Mann liegt am Boden. Die Hand eines SS-lers kommt ins Bild, aber sie schlägt ihn nicht, im Gegenteil, die Hand faßt ihn am Arm und hilft ihm auf. Der alte Mann bleibt zitternd stehen, nestelt sich eine Zigarette heraus. Der SS-Mann gibt ihm Feuer.

Diese erste Szene, der Prolog des Films, weist auf Thema und Form von "Gebürtig" hin:

die Last der Geschichte, die niemals vergehende Vergangenheit und die pointierte, mit ironischen Wendungen arbeitende Erzählweise. Aus der Gegenwart der späten achtziger Jahre erzählt der Film über jene Befangenheit, die sich als ‚gläserne Wand‘ immer wieder aufs neue zwischen Juden und Nichtjuden, Überlebende und Nachgeborene, schiebt.

"Müssen wir Verzweifelte sein?", fragt Danny Demant, der Erzähler. Mit Melancholie und Humor, provokant und leidenschaftlich, sucht der Film seine Antwort.

Fünf Protagonisten/Charaktere (Hermann Gebirtig, Susanne Ressel, Danny Demant, Konrad Sachs, Christiane Kalteisen) stehen im Mittelpunkt des Filmes, die Bögen der Erzählung werden von den Charakteren geführt und bestimmt. Die unterschiedlichen ‚Gebürtigkeiten‘, ihre Eigensicht und unsere Sicht auf sie, stehen in einem Spannungsverhältnis und erfordern oftmaligen Perspektivenwechsel. ‚The emphasis is on people, not events. Events are generated by the desire of the main characters‘ (Kieslowski).

Wir wollten einen reduzierten, funktionellen Stil entwickeln, aber keinesfalls minimalistisch (das wäre zu wenig sinnlich). Die Szenen mußten aus sich heraus zur Wirkung gebracht werden, durch die Figuren und deren genaue Beobachtung, durch präzise Sprache, durch Herausarbeiten der inneren Bewegung der Charaktere.

Die Wechselwirkung von äußerer und innerer Bewegung war für uns der Motor der Erzählung. Was läßt Sachs von seiner Insel (seinem ‚Ort der Ruhe‘) nach Auschwitz fahren ? Oder fährt er hin, um weitergetrieben zu werden ? Welche äußeren Bewegungen, welche Reisen und Begegnungen muß er hinter sich bringen, um wieder zurückkehren zu können, zu Else, seiner Frau, zur ‚Insel der Ruhe‘ ? Und was treibt Demant zu den Dreharbeiten nach Auschwitz ? Was läßt ihn Susanne verlassen ? Was zieht ihn zu Crissie ? Was wandelt ihn vom (zynischen) Kabarettisten zum Autor und Erzähler ? Und was bewegt Gebirtig, was bringt ihn nach Wien, in die Stadt seiner Kindheit, die in ihm eingekapselt steckt ? Ist es nur Susanne ? Und was geht in ihm vor, welche Hoffnung hat er noch, wenn er nach seiner abrupten Abreise aus Wien verbittert und ‚um eine Erfahrung dümmer‘ in seiner Wohnung hoch über dem East River liegt und Nacht und Tag vergehen läßt ? Was bleibt von der Liebe zu Wien und zu Susanne ?

 

Ein wesentliches Element von ‚Gebürtig‘ ist die Sprache. Die Dialoge sind pointiert, sie erforderten rasche Wechselrede und das Vermeiden von ‚Bedeutung‘. Die Ironie und vor allem die Selbstironie in den Dialogen, besonders bei Demant und Gebirtig, sind wohl auch Ingredienzien des jüdischen Humors.

Die Stimme des Erzählers ist Demant’s Stimme, der diese Geschichte (wie sich am Schluß herausstellt) aufgeschrieben hat. Demant als Chronist, kommentierend, notierend, distanziert. Nimmt sich heraus und berichtet, über Gebirtig, Sachs, sich selbst. Auch wenn Demants Stimme fast zur inneren Stimme Gebirtigs wird, leiht der Erzähler Demant die innere Stimme dem Hermann Gebirtig. Der Erzähler schlüpft funktionell in die jeweiligen Charaktere/Rollen, nicht theatralisch, also er ‚spielt‘ nicht Gebirtig. Er spricht aus, was und wie Gebirtig denkt, er ahmt ihn nicht nach. Und da Demant Kabarettist und Autor ist, ist seine Sprache und damit die Sprache des Erzählers literarisch-ironisch.

Wenn die Dramaturgie/die Filmerzählung also den Bewegungen der Protagonisten folgt, dann sollte genau das auch die Kamera tun. Sie mußte genau sein, beobachten, Raum lassen, wo Distanz vorhanden und notwendig ist, und neugierig, wo immer sie darf. Sie hatte sich, je nach Erzählperspektive, für die eine oder andere Person zu entscheiden. Ist die Kamera mit einem Charakter alleine, darf sie sich dessen Rhythmus annähern.

Die Kamera sollte/durfte sich nicht in den Vordergrund drängen, sie sollte beweglich sein (Steadicam), aber nicht der ‚Action‘ wegen, sondern beweglich im Sinne von schwebend, nicht statisch, nicht ‚fest am Boden‘, wie eben auch die Charaktere.

Wir wollten keine ‚eindeutigen‘, glatten, ‚bunten‘ Bilder, keine falsche Opulenz, keine geschönten Bilder, die Kamera sollte durchaus etwas ‚unfertiges‘, ‚provisorisches‘ vermitteln. Die Farben sollten reduziert sein, mit klaren Akzenten.

Die ‚Innenbilder‘ (man könnte auch ‚Visionen‘ sagen), also die Traumbilder von Sachs und Demant, die ‚Erscheinungen‘/‘Tagträume‘ von Sachs, die ‚Erinnerungen‘ Gebirtigs, wollten wir so zeigen wie die jeweiligen Protagonisten sie sehen, also durchaus ‚realistisch‘, zumindest ebenso ‚realistisch‘ wie die sogenannten ‚realen‘ Szenen, es gibt also keinen wesentlichen Unterschied zwischen ‚Aussenwelt‘ und ‚Innenwelt‘. Wenn Sachs‘ Vater in der Szene auftaucht, so ist dies lediglich eine Frage des Schnitts (oder der Kamerabewegung), die Szene selbst läuft quasi ‚real‘ weiter. Auch die ‚Traumbilder‘ sind durchaus ‚realistisch‘, lediglich durch eine Aufblende ins Weiss ‚markiert‘.

Der größere Teil des Filmes spielt im Winter bzw. im frühen Frühling. Und häufig in Innenräumen und in der Nacht oder abends oder frühmorgens in der Dämmerung. Dies erleichtert und ermöglicht die gewünschte Farbdramaturgie. Erst mit Gebirtigs Ankunft in Wien wird es auch Frühling, heller und färbiger und lebensfroh, um gegen Ende wieder Nacht zu werden – am East River in New York, wohin Gebirtig fluchtartig zurückgekehrt ist. Hoffnung wird aber aufkommen durch Susannes Gesicht in der Telefonzelle vor seinem Haus und in Gebirtigs Gesicht, wenn er sich uns (der Kamera) zuwendet und der Schein der Nachttischlampe auf ihn fällt ....

Lukas Stepanik, Robert Schindel

GEBÜRTIG - Der Roman

Es war eines der aufsehenerregendsten Belletristik-Debüts des Jahres '92: "Gebürtig" erschien im Frühjahr 1992 im Suhrkamp-Verlag und war der erste Roman des bis dahin vor allem als Lyriker bekannten österreichischen Autors Robert Schindel. Das Buch besticht durch eine aufregend suggestive Sprache, die auf wohltuend moderne Weise mit Assoziationen spielt und zugleich eine nahe Verwandtschaft zur klassischen Wiener Kaffeehausliteratur erkennen lässt.

Mit dem Romandebüt "Gebürtig" schrieb sich der vormalige Wiener Kaffeehauspoet Robert Schindel in den Olymp der deutschsprachigen Literatur. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. der "Erich Fried-Preis 1993" belegen die Bedeutung, die Kritik und Leserschaft dem Roman zumessen.

GEBÜRTIG - Das Drehbuch

Bereits der viel zu früh verstorbene österreichische Regisseur Axel Corti dachte daran, "Gebürtig" zu verfilmen und plante einen 2teiligen TV-Film. Corti konnte das Projekt nicht mehr realisieren, er starb 1993. Sein langjähriger Drehbuchautor Georg Stefan Troller begann 1995, zusammen mit dem Buchautor Robert Schindel und mit dem Regisseur und Produzenten Lukas Stepanik das Drehbuch zu schreiben. Nach mehr mehrjähriger Arbeit an verschiedenen Fassungen liegt jetzt das fertige Kinoprojekt nun vor.

Das Drehbuch für den Kinofilm "Gebürtig" basiert im wesentlichen auf der Romanvorlage, lediglich die Figurenvielfalt wurde zugunsten der filmischen Umsetzung etwas zurückgenommen. Wichtig war den Autoren, die stark bildhaft-poetische Sprache des Romans ins Visuelle zu übertragen.